Gebrauchte T-Shirts und Afrika (2)

Was passiert hier in Europa, in Österreich?

Über die genaue Menge an alten Kleidern, die jährlich in Österreich anfällt, kann man nur spekulieren, Schätzungen gehen aber von 80.000 Tonnen pro Jahr aus. Ein großer Teil der Kleidung wird in Kleidercontainern entsorgt, die Sammelboxen stehen an allen Straßenecken zur Verfügung. Nur zwei Fünftel sind als Gebrauchtkleidung verwendbar, gut zwei weitere Fünftel noch für die Putzlappenherstellung oder als Rohstoff. Der Rest ist Abfall. Ein großer Teil dieser Kleidungsstücke wird aussortiert, wenn er nicht mehr gefällt, hat dann aber noch einen erheblichen Teil seiner Lebenszeit vor sich.

Wenn diese Kleiderbündel in Afrika ankommen, sind sie von einer Spende längst zur Ware geworden. Gebrauchte Sachen decken in Afrika bis zu 80 Prozent des Bekleidungsbedarfs. In den meisten afrikanischen Staaten werden kaum noch Stoffe gefertigt und auch Bekleidungsfabriken gibt es nur wenige. Und der Altkleiderimport verschafft, bei all seinen Problemen, vielen in Afrika die Chance Geld zu verdienen und sich besser zu kleiden.

Eine Reihe afrikanischer Staaten hat den Import von Altkleidern verboten oder massiv eingeschränkt, darunter lukrative Märkte wie Südafrika, Nigeria und Äthiopien. Um diese Importbeschränkungen zu umgehen, hat sich ein umfangreicher Schmuggel entwickelt.
Benin ist beispielsweise bereits seit zwei Jahrzehnten ein Hauptumschlagplatz für Altkleider, die als Schmuggelware nach Nigeria gehen. Eine andere Reihe von Staaten hat relativ hohe Zölle auf den Import von Altkleidern festgelegt, die anscheinend in einigen Fällen über Korruption in Häfen oder Schmuggel durch Nachbarstaaten umgangen werden.

Große Probleme mit dem Gebrauchthandel gibt es dort, wo, wie z.B. in Tansania oder im Kongo, kleine Gruppen den Import kontrollieren (restriktive Importbestimmungen, GroßhändlerInnen, die von außen den Preis bestimmen) und die damit den Markt diktieren und enorme Gewinne machen.
Kleinere Probleme gibt es in Westafrika (Kamerun, Ghana, Kenia) – relativ viele Angehörige leben in Westeuropa und USA und schicken Kleidung an Verwandte – dies hat zu einem Überangebot geführt.

Hauptgrund ist die geringe Kaufkraft. Es gibt kein ausreichendes und erschwingliches Bekleidungsangebot aus lokaler Produktion. Die auf den Märkten angebotene Neuware kommt überwiegend aus China, ist aber oft von minderer Qualität. Secondhand-Kleidung ist daher weit verbreitet. Der Handel mit Gebrauchtkleidung verschafft vielen Arbeit und Einkommen. Auch viele Schneiderinnen und Schneider leben vom Umarbeiten oder „redesign“ von Gebrauchttextilien.

Einerseits wächst der Überschuss an Gebrauchtkleidung in den Wohlstandsländern, weil für uns Textilien immer billiger geworden sind, und andererseits gibt es eine wachsende Nachfrage nach Gebrauchttextilien, etwa in Afrika. Hier trifft sich das explodierende Angebot von abgelegter Kleidung der Reichen auf die unstillbare Nachfrage nach Kleidung für die Armen. Außerdem wird das wachsende Umweltbewusstsein vermutlich dafür sorgen, dass immer mehr gebrauchte Kleider in den Altkleidersammlungen anstatt im Haushaltsmüll landen. Am wichtigsten ist vielleicht die Tatsache, dass die ärmeren Länder ein hohes Bevölkerungswachstum und eine ebenfalls wachsende Begeisterung für modische Kleidung haben.

Wir sollten es uns aber trotzdem nicht ersparen, unser eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen. Müssen wir Kleidung, deren Produktion wertvolle Ressourcen verschlingt und die wir eigentlich noch tragen könnten, wirklich so schnell wieder entsorgen, wie wir es heute tun?

 

Quellen:
Rivoli, Pietra (2006): Reisebericht eines T-Shirts. Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft. Berlin.

Das Geschäft mit Altkleider Am Schauplatz (1/4).
[Online] https://www.youtube.com/watch?v=eGn5uepEz04 [15.06.2017]

„Mitumbas“ Ende- Ostafrika will Altkleider-Importe verbieten. (30.03.2016) [Online] https://www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/186049/index.html [15.06.2017]

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